Orientierung in revolutionären Arbeitswelten

Dipl. Psych. Peter Friederichs, Vorsitzender des Vorstandes des HCC e.V.

Der Human-Capital-Club möchte einen Beitrag dazu leisten, Orientierungen in einer bereits massiv veränderten und immer weiter in Veränderung befindlichen Arbeitswelt zu geben. Viele gebrauchen das Wort „Revolution“ dafür – aber ist es auch eine „echte“ Revolution – was ja eigentlich nichts anderes hieße als die Umkehrung aller Werte?

Digitalisierung und andere technologische Fortschritte wie KI etc. sind aus meiner Sicht keine Revolutionen sondern konsequente Weiterentwicklungen. Für die Mitarbeiter aber kommen die realen betrieblichen Veränderungen mit Konsequenzen für ihr Leben oft über Nacht. Deutliche Warnschilder wurden übersehen, nach denen dann in letzter Sekunde das Unternehmens-Steuer herumgerissen wird und die Mitarbeiter durcheinandergewirbelt werden! So erging es den Menschen bei allen Strukturkrisen der Neuzeit bei Stahl, Banken, Automobil, Energie usw.

Aus Sicht der Firmen sind Rationalisierungen und Kosteneinsparungen sofort auf der Hand. Dabei dürfen sogar  in der Vergangenheit bewährte Cash-Cows länger leben auch wenn sie die eigentlichen industriellen Dinos sind! Die parallel nötigen Neuentwicklungen bis hin zu technischen Revolutionen werden hinausgezögert und vielleicht sogar verschlafen.

Die Mitarbeiter in den Unternehmen und Organisationen werden folglich selten verantwortlich auf massive Veränderungen vorbereitet. Die Meisten erfahren von der Schließung oder Verlagerung ihrer Werke oft in den Frühnachrichten. Dann ist der Arbeitsplatz aber schon weg oder das Unternehmen wird verkauft.

„Revolution im Betrieb“ wird dann zum persönlichen Versagens- und Verlusterlebnis.

Hanna Arendt, die Philosophin definierte Revolution als Befreiung. Aber wenn Revolution eine Befreiung bedeutet, wie sähe dann eine Befreiung in der modernen Arbeitswelt aus?

Hier haben die Arbeiterbewegungen aber auch Unternehmen  schon viele Freiräume geschaffen. Es ist also nicht nur die Mitbestimmung sondern insbesondere die Erkenntnis bei Unternehmern, dass exzellente Firmen nur durch exzellente und motivierte Mitarbeiter auf allen Ebenen und deren Mitwirkung und Beteiligung überleben und gedeihen können.

Deshalb gibt es gerade in den High-Tech-Schmieden oder unter Service-Leadern deutlich mehr Freiheitsgrade für die Mitarbeiter, die sich durch Demokratisierung, Mitwirkung  und Ermächtigung konsequenter artikulieren können.

Das Human Capital  kann also Freiheiten fordern und erhält sie!

Aber gilt das auch in der Breite der Arbeitnehmer?

Revolutionen z.B. gegen die ungleiche Behandlung der Geschlechter oder gegen die  bedrohliche Zunahme der psychischen Erkrankungen gibt es noch nicht. Stellen sie sich vor, die Gewerkschaften organisierten Massenstreiks gegen die Benachteiligung von Frauen und gegen psychisch krank machende Arbeitsverhältnisse. Aber das wäre doch einmal eine Alternative!

Auch die Diskussion, die vom US-Autor Graebner durch sein Buch über die Bullshit Jobs provoziert wurde, zeigt welche Themen bisher keiner „Revolution“ anheimfallen-nämlich die Themen einer inneren Sinnentleerung großer Gruppen der Belegschaft. Denn da beißt keine Maus den Faden ab: es sind nach wie vor große  Teile der Mitarbeiterschaft, die demotiviert und sinnbefreit vor sich hin werkeln.

Nach einer aktuellen Murmann-Befragung sagen nur 12,6 % „Ja, ich finde, dass ich in meinem Unternehmen ein Mitbestimmungsrecht habe„. 50,5 % dagegen sagen: „Nein, das habe ich nicht oder eher selten.“

Verschärft wird die Situation durch bestimmte Rahmenbedingungen: Wir leben schließlich in einer gesellschaftlichen und arbeitspolitischen Landschaft, in der viele Gewissheiten, Werte, Stabilitäten, mentale Gerüste und Zuversicht verloren gegangen sind. Die meisten Menschen sind ernüchtert und enttäuscht von der mangelnden und wenig sichtbaren Wirkmacht der ehemals Mächtigen und Klugen in Wirtschaft, Gesellschaft und Kirche. Für eine nachhaltige und eine erfolgreiche Gestaltung der Zukunft fehlen oft die Überzeugungstäter. Spiegelkabinette von Fake-News und euphemistischen Interpretationen von Wirklichkeit lassen den Menschen fragend zurück. Als Erinnerungsstützen nenne ich nur: Zukunft der Rente, des Wohnraums und der Arbeit selbst.

Hinzukommen die Probleme im persönlichen Bereich der Mitarbeitenden in den Unternehmen und Organisationen. Betriebspsychologen und Sozialarbeiter können Ihnen jeden Tag von den persönlichen Dramen Einzelner berichten, die an der Arbeit, der Gesellschaft oder der Familie scheitern oft auch an einer Kombination dieser Faktoren.

Wir Personaler oder alle die mit den Menschen in den Betrieben zu tun haben, stehen hier vor einer entscheidenden Aufgabe. Haben wir den Mut vor Herrscherthronen, die Dinge auf den Punkt zu bringen und für Remedur zu sorgen oder beschäftigen wir uns lieber mit flippigen Recruitment-Events und schicken HR-Tools, wie Coaching-to-Go und viele mehr?

Bezeichnend dafür ist, dass nach einer Untersuchung von Heydrick & Struggels zur Interaktion zwischen Personalvorständen und Aufsichtsräten noch zu häufig nur ein formalisierter Austausch besteht: „Gerade in den formalen Sitzungen zwischen Aufsichtsrat und Vorstand,“ so Dr. Christine Stimpel, „stehen häufig zu sehr Zahlen, Daten und Fakten im Vordergrund, während die von den Personalvorständen verantworteten „People-Aspekte“ in den Hintergrund gedrängt werden.“ Tim A. Lüdke ergänzt: „Die obersten Personalverantwortlichen sind in diesen Fällen gefordert, ihre Themen stärker auf der Agenda der Leitungsgremien zu positionieren. Dafür müssen sie ihr eigenes Profil als Ratgeber in den Unternehmen schärfen.“

Wir weit sind wir Personaler bereit und in der Lage an die Wurzelbehandlung zu gehen und uns mit der um sich greifenden Sinnkrise der Mitarbeiter und der Führungskräfte zu beschäftigen? Denn geht es nicht letztlich neben der Zukunftsfähigkeit der Arbeitsplätze um die menschliche Würde, um die Sinnfindung in Alltag und Beruf, was den Menschen Stabilität, Zuversicht und Hoffnung auf eine gute lebenswerte Zukunft macht?

Deshalb haben wir uns entschieden, unsere Arbeit unter die Leitidee der Gestaltung einer humanitären Welt zu stellen, die primär den Sinn und die Zufriedenheit in der Arbeitswelt sucht und nicht nur Materielles und Statusgewinn.

Wir wollen Antworten suchen, wie Unternehmen die Mitarbeiter mit Sinn gebenden Ideen und ethischer Führung nicht nur durch die Fährnisse führen sondern auch Begeisterung und Stolz auf die eigene Leistung initiieren.

Wir müssen auch die Führungskräfte unterstützen, die die Ambiguitäten und Zielkonflikte zwischen Mitarbeiteransprüchen und Unternehmensansprüchen nicht nur auszuhalten, sondern für die Mitarbeiter und Unternehmen klären und lösen sollten.

Unternehmer und Manager sollten häufiger den mentalen egozentrischen Schutz,- und Machtraum ihrer Unternehmen verlassen, sich den Ansprüchen einer humanitären Welt stellen und die Bedürfnisse der Mitarbeiter konsequent annehmen.

Das wäre dann für uns eine Revolution!

Dieser Beitrag war Teil des Eröffnungsvortrages des Autors auf dem Human-Capital-Forum 2018